Fachbeitrag

Verhandeln in der Trennung: Warum Interessen weiter tragen als Positionen

In einer Trennung verhandeln zwei Menschen, die sich sehr gut kennen, über Dinge, die ihnen sehr viel bedeuten. Das macht diese Verhandlungen schwieriger als die meisten geschäftlichen Gespräche. Es macht sie aber auch lösbarer, als viele glauben, wenn die richtigen Fragen gestellt werden.

Positionen und Interessen

„Ich will das Haus behalten.“ Das ist eine Position. Hinter ihr steht ein Interesse, und das ist oft ein anderes, als es zunächst scheint: dass die Kinder in ihrem Umfeld bleiben können, dass ein vertrauter Ort Halt gibt oder dass die eigene finanzielle Zukunft gesichert ist. Positionen schließen einander häufig aus. Interessen lassen sich dagegen oft auf mehreren Wegen erfüllen, manchmal sogar gleichzeitig für beide Seiten.

Wer nur über Positionen verhandelt, landet beim Feilschen. Jeder rückt ein Stück ab, keiner ist zufrieden, und die Beziehung leidet, was besonders schwer wiegt, wenn beide Eltern bleiben.

Sachbezogen verhandeln

Das an der Harvard University entwickelte Konzept des sachbezogenen Verhandelns nach Roger Fisher und William Ury beruht auf wenigen klaren Grundsätzen, die sich in familienrechtlichen Verhandlungen besonders bewähren. Menschen und Sachfragen werden getrennt: Die Verletzungen der Vergangenheit verdienen Raum, aber sie dürfen nicht über die Höhe des Unterhalts entscheiden. Im Mittelpunkt stehen die Interessen, nicht die Positionen. Bevor entschieden wird, werden mehrere Optionen entwickelt. Und das Ergebnis wird an objektiven Maßstäben gemessen, etwa an einem Verkehrswertgutachten oder an den Unterhaltsleitlinien, statt daran, wer lauter oder ausdauernder ist.

Die eigene Alternative kennen

Wer verhandelt, sollte wissen, was geschieht, wenn keine Einigung zustande kommt. Wie würde ein Gericht voraussichtlich entscheiden? Wie lange würde das Verfahren dauern, was würde es kosten, und was würde es für die Kinder bedeuten? Diese Alternative ist der Maßstab für jedes Angebot. Ein Angebot, das besser ist als die realistische Alternative, verdient ernsthafte Prüfung, auch wenn es nicht allen Wünschen entspricht.

Wann Mediation passt und wann nicht

In einer Mediation erarbeiten beide Partner mit Unterstützung einer allparteilichen Mediatorin selbst eine Lösung. Das Verfahren ist vertraulich, zukunftsorientiert und häufig schneller und günstiger als ein streitiges Verfahren. Es eignet sich besonders, wenn beide grundsätzlich bereit sind, offen miteinander zu sprechen, und wenn eine weitere Zusammenarbeit als Eltern ansteht.

Mediation ist nicht der richtige Weg, wenn Gewalt im Spiel war, wenn ein erhebliches Machtgefälle besteht oder wenn eine Seite Vermögen verschleiert. Auch in einer Mediation sollte jede Seite eine eigene anwaltliche Beratung haben, damit das Ergebnis auf informierten Entscheidungen beruht. Die Einigung wird anschließend rechtssicher formuliert und, soweit erforderlich, notariell beurkundet.

Klar vertreten, offen verhandeln

Entschlossene Interessenvertretung und Verhandlungsbereitschaft schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Wer die eigene Rechtsposition genau kennt, kann großzügig dort sein, wo es nichts kostet, und standfest dort, wo es darauf ankommt. In meiner Arbeit als Rechtsanwältin und Mediatorin erlebe ich immer wieder, dass Einigungen, die beide Seiten verstanden und mitgestaltet haben, über Jahre tragen. Urteile beenden einen Streit. Gute Vereinbarungen beenden ihn oft dauerhaft.

Sie möchten Ihre Situation einordnen lassen?

Beratungstermin anfragen

Dieser Beitrag gibt einen allgemeinen Überblick und ersetzt keine rechtliche Beratung im Einzelfall.

Zurück zu Veröffentlichungen und Vorträge